Walter Benjamins Aufsatz – Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit – ist wohl einer der am häufigsten zitierten Texte in den Medienwissenschaften.
TextJana Sehnert
FotografieJana Sehnert
Walter Benjamin begegnete mir in meinem Studium an der HSBI (KD) direkt im ersten Semester. Mir fiel es schwer, mich auf den Text zu konzentrieren. Viele schwierige Worte – eine Sprache, die in jeden Satz das Gewicht von einem ganzen Absatz legt. Ich las den Text und las ihn nicht.
Zwei Semester später, wieder Walter Benjamin. Ein anderer Text. Diesmal keine Pflichtlektüre. In einem Buchgestaltungskurs wollte ich ein Buch über das Thema Frühstück machen, begab mich auf die Suche nach Texten und begegnete Walter Benjamin erneut. Eine zufällige Begegnung. Ein bisschen, als würde man einem Versicherungsbeamten in Freizeitkleidung im Supermarkt über den Weg laufen und ihn erst nach mehrmaligem Hinschauen erkennen – um dann festzustellen, dass der Versicherungsbeamte auch Butter auf sein Brot schmiert und der Kaffee in der Tasse auf seinem Schreibtisch tatsächlich von ihm eingekauft werden muss.
Ich lernte Walter ganz anders kennen, vielleicht liegt es daran, dass wir uns diesmal in der Morgendämmerung begegnet sind: „Der Erwachte verbleibt in diesem Zustand in der Tat noch im Bannkreis des Traumes. Die Waschung nämlich ruft nur die Oberfläche des Leibes und seine sichtbaren motorischen Funktionen ins Licht hinein, wogegen in den tieferen Schichten auch während der morgendlichen Reinigung die graue Traumdämmerung verharrt, ja in der Einsamkeit der ersten wachen Stunde sich festsetzt.“
Der altbekannte benjaminsche Ton, doch diesmal trifft er mich auf nüchternen Magen.
Das geplante Buch über das Frühstück wird zu einem Buch über meine Begegnung mit Walter und Benjamin. Ich nähere mich ihm mit Kamera und Brioche. Wenn man keine gemeinsame Sprache hat, dient Essen als ein erster Moment des Mitteilens. Es ist ein Angebot der Fürsorge.
Die Kamera ist eine Großformatkamera, die Sinar. Mit ihr zu arbeiten, bedeutet aufmerksam sein zu müssen. Ich darf mich nicht ablenken lassen. Walter Benjamin, die Wörter aus der Dämmerung, die Sinar, das Brioche und ich. Mehrmals wöchentlich sitzen wir gemeinsam am Frühstückstisch.
„Der Nüchterne spricht von Traum, als spräche er aus dem Schlaf.“ Ich lese noch im Schlaf. Lese den Text aus dem ersten Semester nochmal. Lese über Walter Benjamin und sein Leben, dringe ein in sein Privatleben – ein Kind, geschieden, bekommt auch nach der Scheidung noch die finanzielle Unterstützung seiner Frau, notiert pedantisch und stolz(?) die Sprachentwicklung seines Kindes.
Zu lesen, bedeutet einzudringen in ein anderes Leben; zu schreiben bedeutet mit-zu-teilen. Wer schreibt, hat meist gelesen. Wer gestaltet, gestaltet mit den Wörtern der Anderen.
Die Arbeit mit den Wörtern eines Anderen hatte intuitiv begonnen. Mit der Einsicht, dass jede meiner Arbeitsbewegungen, nicht nur den Raum zwischen Walter Benjamin und mir, sondern auch die Raum-Zeit, in der wir uns ohne einander bewegten, fortlaufend veränderte, löste Ehrfurcht aus. Konnten wir uns überhaupt noch ohne einander bewegen? Und wer bewegt den Raum außer uns? Wie viele sind wir? Erstarren wir oder beginnen wir zu tanzen?
Zu lesen, bedeutet einzudringen in ein anderes Leben; zu schreiben bedeutet mit-zu-teilen.
Die Modulhandbücher haben es nicht so gern, wenn zu sehr aus der Reihe getanzt wird. Der Rhythmus sollte gewahrt, die Schritte sollten nicht aus den Augen verloren werden.
Das Projekt Brioche für Benjamin verfolge ich seit 2021. Nicht fortlaufend, ich greife es immer wieder mal auf. Ich bin dem Gefühl gefolgt, dass es noch nicht beendet ist. Verschiedene Erzählebenen sind noch nicht erzählt, ich kann immer noch lernen von dem Umgang mit dem Text – Träume, von denen ich noch nicht wusste, im Morgenlicht betrachten.
Zwischendurch lade ich zum Frühstück ein, um nicht zu erstarren und den Raum zwischen uns in Bewegung zu halten. Zum Abschluss des Semesters, in dem ich fotografisch an dem Buch gearbeitet habe, lud ich zum Frühstück ins Fotostudio ein. Das Frühstück mit Mitstudierenden, Lehrkräften und Mitarbeiter:innen wurde von der Sinar aufgezeichnet. Brioche und Walter waren auch dabei.
LiteraturWalter Benjamin: Einbahnstraße, 2020 Frankfurt am Main.