Die Gestalt des Fachbereichs Gestaltung

Das Gebäude des Fachbereichs Gestaltung an der Lampingstraße 3 ist bisweilen ein besonders widerspenstiges Wesen. Man kann sich dafür schämen, aber mit einer gewissen Prise Aufgeschlossenheit lässt sich erkennen, wie essentiell das alte Haus für das gemeinsame Studieren und Gestalten ist.

  • Text Lukas Engelbrecht
  • Abbildungen Lukas Engelbrecht

Unsere Wanderung im FB1 der Hochschule Bielefeld beginnt vor dem großen weißen Block, zu dessen Füßen sich die Eingangstür befindet. Früher hat eine große 3 den Block geziert, heute ist es der Schriftzug der HSBI. Unter diesem Schriftzug stehen Grüppchen von Rauchenden, seltener auch in dem Zigarettenaquarium bei den Radständern. Selbstverständlich aber niemals in dem Bereich einige Meter um die Tür, in dem das Rauchen verboten ist. Links leuchtet es hinter den großen Glasflächen der Bibliothek, seien es die Lichtröhren im Winter oder die Sonne im Sommer. Ob man möchte oder nicht, hier begegnet man den ganzen Tag über anderen Kommiliton:innen. 

Der klappernde Türöffnerknopf auf der Säule links zur Tür verrät viel über die Eintretenden: Vom vorsichtigen Drücken mit dem Ellenbogen bis hin zum Schlag im Vorbeigehen mit der Faustunterseite oder dem nervösen mehrfachen Drücken mit den Fingerspitzen zeigt sich eine Skala der Gestresstheit der Studierenden. Die automatische Tür öffnet sich sowieso immer viel zu langsam. Und wer die Tür gar händisch öffnet, verrät sich sich direkt als neu, fremd oder stur. Die Schleuse, die in den Eingangsbereich führt, ist dann auch noch ein guter Ort für Zusammenstöße – Wer geht vor? Du oder ich?

Und wer die Tür gar händisch öffnet, verrät sich sich direkt als neu, fremd oder stur.

Von außen ist alles am Fachbereich irgendwie eckig. Der Bibliotheksanbau ist ein dicker Klotz, der große Gebäudeteil ist ein langer Klotz, der linke Teil des Gebäudes ist ein flacher Klotz und alles ist verbunden durch noch mehr Klötze. Auch von innen spürt man die Klotzigkeit, die sich als mehr oder weniger hohe Schachteln, die mit Treppen und Rampen, Türen und Glas verbunden sind, vor einem eröffnet.

Im vom Foyer aus linken Teil des Gebäudes, finden sich – etwas abgeschieden vom Rest – die Flure der Studienrichtung Mode. Abseits der vielen Maschinen, die unten und oben zur Herstellung und Verarbeitung von Stoffen stehen, ist dieser Flur vor allem dafür bekannt, dass in den Räumen auch bis spät in die Nacht das Licht brennt. Die praktische Handarbeit fordert einige Nachtschichten. Der große Gebäudeteil, in dem die Flure der restlichen Studienrichtungen übereinander gestapelt sind, liegt auf der rechten Seite des Eingangs. Neben dem Sekretariat, was meistens genau dann geschlossen ist, wenn man etwas braucht, befindet sich der Fahrstuhl, dessen dumpfes Quietschen dem Gebäude manchmal doch auch eine unheimliche Stimme verleiht. Daneben befindet sich passenderweise das Tonstudio. Im Erdgeschoss ist der Kommunikationsdesignflur. (Nur die Räume für die Lehre im Bereich Typografie sind bei der Bibliothekstreppe und hinter der Wand geradeaus vom Eingang versteckt.) Die Professor:innenbüros auf der linken Seite stellen jeweils sehr klar dar, wer das Büro bewohnt: Alte Hasenpräparate beim Prof für Illustration, Gadgets mit Gesicht bei der Prof für Interaction Design und Spruchkarten in Groteskschrift beim Prof für Corporate Design. Dagegen sind die Seminarräume zur rechten Hand spektakulär unspektakulär: Stühle, Tische, Beamer. Nur der Zeichensaal R119, am Ende des Flurs, der sich hinter der hölzernen Doppeltür verbirgt, erstaunt mit seiner Größe und den hohen Fenstern zum Rosengarten.

In der zweiten Etage befinden sich die Räume von Digital Media und Experiment – alle davon, sogar der große R201 sind voller Kabel. Dazu passend: Die Technikausleihe, Computerlabore und Scanplätze in den anderen Räumen des Flurs. Eine Etage weiter oben ist der Flur der Fotografie. Deren Labore (Vorsicht beim Betreten der Dunkelkammer) liegen zwar im Keller, doch die Studios befinden sich zusammen mit den Seminarräumen auf dem 300er-Flur. Das analoge Fotostudio mit der Hohlkehle und den vielen Leuchten lässt sich ganz bequem für die eigene Arbeit mieten, inklusive Zubehör – Nur helfende Hände sollte man selbst organisieren. Noch weiter oben, in der obersten Etage, ist nur das große Videostudio R401. Ab und zu auch als Seminarraum benutzt, wird dieser große Raum mit dem knarzenden Holzboden, der stickigen Luft  und dem großen Beamer vor allem für Vorträge genutzt. Ansonsten finden sich hier oben nur die Räume des Dezernats IV: Finanzen und Forschung der HSBI hinter glänzenden roten Türen, die als Fremdkörper einfach akzeptiert werden.

Wer sich im Studium in irgendeiner Weise handwerklich betätigen will, wird auch die Werkstätten des Fachbereichs irgendwann kennenlernen, auch wenn sie teilweise in dubiosen Ecken im Keller verborgen sind. Die Buchbindewerkstatt (liebevoll BuBi) findet man in der Nähe der All-Gender-Toiletten im Keller gegenüber des Audimax (das man eigentlich nur von der Semesterbegrüßung und der einzigartigen Erstsemestervorlesung kennt). Wer mit fachlicher Hilfe und einer großen Materialauswahl ein Buch binden will, ist hier genau richtig. Das Innenmaterial lässt man sich am besten in der hauseigenen Druckwerkstatt drucken, wo man von der Druckvorstufe bis zur weiteren Verarbeitung mitwirkt. Auch große Fotoformate auf verschiedenen Papieren können hier gedruckt werden. EC-Karte nur nicht vergessen und den Leitfaden gut lesen. Wer außerdem in irgendeiner Weise objekthaft arbeiten will oder einen Rahmen für die Hängung braucht, sollte versuchen, die Objektwerkstatt im Keller zu finden. Die Liste der Maschinen ist lang, die Möglichkeiten mit Holz, Metall und Kunststoff zu arbeiten sind vielfältig und der Respekt davor, sich die Hand abzusägen ist groß. Zum Glück gibt es gute fachliche Betreuung.

Die Liste der Maschinen ist lang, die Möglichkeiten mit Holz, Metall und Kunststoff zu arbeiten sind vielfältig und der Respekt davor, sich die Hand abzusägen ist groß.

Auch, wenn es (noch) an einem zentralen Treffpunkt am FB mangelt, sind die Bibliothek und die Cafeteria (sollte sie geöffnet haben) ständig besucht, wenn man abseits der Seminarräume etwas Gesellschaft braucht. Die in der Mittagszeit sehr wasserdampfreiche Cafeteria ist in ihrer Essensauswahl zwar etwas begrenzter als an anderen Standorten, dafür kennt man irgendwann die Mitarbeitenden doch sehr gut – was man ihnen bestenfalls mit Tassendiebstahl dankt. Den veganen Lahmacun kann man aber immer gut essen, das können gewisse FB1-Meme-Accounts sicher bestätigen.


Eines kann der Standort des Fachbereichs aber nicht verstecken: Er ist alt. Nicht unbedingt so alt, dass er die historische Autorität des denkmalgeschützten ursprünglichen Standorts an der Sparrenburg erreicht, aber so alt, dass sich eine Geschichte ablesen lässt (oder sie sich fast schon aufdrängt). Das Holz an den Wänden hat Spuren, ebenso wie das Holz der Treppen. Dies ist ein Ort, an dem Dinge passieren. Das zeigen die Kratzer im Boden und die vielen Schichten Farbe an den löchrigen Wänden, bei denen man aber genau prüfen muss, ob man bohren und nageln darf (Asbestgefahr). Der rote Ziegelboden im Keller und die grün-grauen Spinde voller Aufkleber, Schmierereien und Dellen haben nichts vom modernen Hochschulcharme des Hauptgebäudes der HSBI an der Interaktion 1, aber das passt zum FB1. 

Zur geheimnisvollen Atmosphäre kommen die vielen versteckten Orte und Gänge, von denen man erst im Verlauf des Studiums erfährt. Die verborgenen Werkstätten und Labore im Keller hin oder her – andere Räume, die keinen direkten Anwendungszweck im Studium haben, entdeckt man nur per Zufall auf irgendwelchen Plänen oder hört nur ihre Geschichten und Gerüchte. Beispielsweise liegen hinter der dicken Luftschutztür mit dem Handrad, die zwischen den Spinden sitzt, nur drei von vielen weiteren Bunkerräumen. Diese Bereiche mit den weiß verputzten Wänden werden manchmal bei der Werkschau als Ausstellungsräume genutzt, aber die tieferen und größeren Bunkerräume auf der anderen Seite des Gebäudeteils waren bis vor kurzem Lager für die Malereien des ehemaligen Dekans Karl-Heinz Meyer. Ähnlich mysteriös verhält es sich auch mit den Heizungsanlagen und verlassenen Kellerräumen, die in der verschachtelten Domäne der Hausmeister liegen. Deren mythischer Höhepunkt ist ein riesiger Raum hinter der Tafelwand des Audimax, in dem einst riesige Öltanks standen, an die nur noch die vier Fundament-Halfpipes aus Beton erinnern. Und den staubigen Kriechgängen und Tunneln bleibt man vielleicht lieber fern…

Zur geheimnisvollen Atmosphäre kommen die vielen versteckten Orte und Gänge, von denen man erst im Verlauf des Studiums erfährt.

Aber wie soll es anders sein, an einem Lernort der Gestaltung, an dem seit Jahrzehnten Studierende mit einem mehr oder weniger ausgeprägtem Ausdrucksbedürfnis arbeiten: hinterlassene Spuren von ihnen finden sich an den verborgensten Stellen. Da sind die Namen und Tags, die nicht nur sinnbildlich „Ich war hier“ sagen, die politischen Statements auf den Spinden, die aktuelle und vergangene Diskurse immer wieder gegenwärtig machen, die versteckten Sticker und Schriftzüge vergangener Werkschauen und die Zeichnungen und Dialoge, die in die schwarzen Klapptische des Hörsaals eingeritzt sind und denen man nicht immer direkt ansehen kann, ob sie drei oder 30 Jahre alt sind. Selbst wenn man alleine im Flur steht: Man fühlt sich mit anderen Studierenden über die Zeit hinweg verbunden. Aber auch abseits sentimentaler Projektionen in die Vergangenheiten des Gebäudes, stellt sich durch den Austausch im Seminar irgendwann eine Verbundenheit mit den jetzigen Kommiliton:innen ein. Die Frage „Grüßt man sich hier einfach immer oder kennt ihr die wirklich alle?“ eines den FB besuchenden Freundes machte das vor kurzem erst deutlich. Ja, irgendwie kennt man die alle. Und mit der Zeit und der gemeinsamen Arbeit gilt ähnliches auch mit den Professor:innen. Und so sonderbar das Gebäude des FB Gestaltung an der Lampingstraße 3 doch ist, am Ende ist dieses Miteinander wahrscheinlich dadurch möglich.