Ich habe das Paradies gesehen

  • Text Jana Sehnert
  • Fotografie Jana Sehnert

Vor meinem Studium bin ich zur See gefahren. An Land zu gehen bedeutete, das Leben auf See hinter mir zu lassen. Auf See zu bleiben hätte bedeutet, das Leben an Land zurückzulassen. Land und See lassen sich nicht miteinander vereinen, jede Entscheidung für ist auch eine Entscheidung gegen. Im Studium sind die Bücher zu meiner See geworden – sich auflösende Horizonte, der Rhythmus des Blätterns, die Melodie der Schrift. Alles ist möglich und alles bleibt gleich. So konnte ich die Leerstelle füllen, die durch die fehlende Seefahrt entstanden war.

Die folgenden zwei Arbeiten sind aus der Sehnsucht nach der Zeit auf See entstanden

In der fotografisch-künstlerischen Arbeit Ich habe das Paradies gesehen habe ich mich mit der Fotografie als Erinnerungsgegenstand beschäftigt. 380 Tage habe ich auf See verbracht, tausende Bytes habe ich geschrieben, mit dem Ziel, besondere Momente festzuhalten. Doch die Erinnerung schreibt ihre eigenen Bilder. Der Zeit auf See eine angemessene Bildserie gegenüberzustellen, gelang nur, indem ich mich von gegenständlichen Abbildungen gelöst habe. Kameralose Polaroids zählen die Tage der Überfahrt von Teneriffa nach Dominica. Wenn ich die Entwicklerpaste aus den Kapseln über die Filmschichten der Polaroids drücke, setze ich einen Prozess in Gang, über den ich nur wenig Kontrolle habe. Das Bild entsteht und verändert sich fortlaufend.

Die essayistische Arbeit Sehnfluchten ist ein Auszug aus einer Hausarbeit. In dem zugehörigen Theorieseminar habe ich mich mit Wiederholung, Monotonie, Rhythmus und Melodie in Schrift beschäftigt und der Rolle, die die Interpunktion als Moment der Stille spielt. In dem Textauszug stelle ich den Bezug meiner Zeit auf See zu diesen Aspekten her. 

Sehnfluchten 

Wenn ich zur See fahre – wenn ich auf See fuhr; schließlich fahre ich nicht mehr zur See, höchstens noch an die See – dann immer mit zwiespältigen Gefühlen. Die Freiheit, die ich ersehnte, war immer mit Heimatlosigkeit verbunden. Gerade die Überquerungen, für die ich hauptsächlich eingesetzt wurde, schlossen eine Meinungsänderung aus. Einmal abgelegt, war kein ,Aussteigen‘ möglich.

Die Vorbereitungswochen im Hafen waren nervenraubende Zeiten. Hatte ich an alle Einkäufe gedacht? Waren alle schlechten Kartoffeln entfernt worden? Hatten die ›Trainees‹ nicht doch aus Versehen einen Karton mit an Bord gebracht? Unsorgfältigkeiten, die an Land geringe Konsequenzen mit sich bringen, werden auf See zu existentiellen Fragen. Dennoch habe ich diese stressvollen Zeiten immer wieder auf mich genommen – in Erwartung, was kommen würde.

Sobald wir den Hafen verlassen, beginnt sich das Leben auf See einzuspielen. Je weiter wir uns von Land entfernen, desto mehr gleicht sich die Landschaft an. 

Bald wissen wir nicht mehr, welcher Tag es gerade ist, wie viele hinter uns liegen und wie viele erwartungsweise noch vor uns.

Das Dreiwach-System lässt Tag und Nacht verschwimmen; Dunkel und Hell und die vier Mahlzeiten formen das Metrum. Das Kennenlernspiel können wir schnell hinter uns bringen. Nach fünf Tagen miteinander über die Reling kotzen (für die Seekranken) und Kotzeimer leeren (für die Nicht-Seekranken), liegen die Persönlichkeiten auf dem Tisch. Wir können sein, wer wir sind; wir müssen sein, wie wir sind, alles andere ist zu anstrengend. 

Das ständige Ausgleichen der Seebewegung strengt physisch an. Kurze Schlafphasen zu ungewohnten Zeiten erhöhen die Müdigkeit. Energie wird zu einer kostbaren Ressource. Erfahrungen werden im Protokollstil überreicht. Von Wache zu Wache. Kommunikation in ganzen Sätzen wird weniger wichtig. Die Ereignisse beschränken sich auf die Entdeckung und Beobachtung anderer Lebewesen außerhalb unseres fast 500 Quadratmeter großen Biotops. Segelführung, Wetterveränderung auf dem Radar, das Maschinenraumprotokoll, evtl. anstehende Reparaturen – selten ereignet sich mehr als das. Worte werden weniger. Besonders in der ›Galley‹.

Ich bin in keine Wache eingeteilt. Ich beginne um 6 Uhr mit den Frühstücksvorbereitungen für die erste Wache und ende gegen 22 Uhr, wenn der ,Nachthap‘ im ,Main‘ steht. Keiner braucht mir ein Protokoll zu übergeben, in der Kombüse gibt es nur mich. Manchmal kommt jemand zum Abwasch und wir erzählen uns von unserem Zuhause. Wie wir sind, haben wir bereits erfahren, jetzt lernen wir voneinander, warum wir sind, wie wir sind. 

Wie wir sind, haben wir bereits erfahren, jetzt lernen wir voneinander, warum wir sind, wie wir sind.

Das Abendessen ist die einzige Zeit, zu der alle gleichzeitig wach sind. Wir sprechen darüber, was wir als Erstes tun, wenn wir Fuß an Land setzen. Wen werden wir als Erstes anrufen? Wie teuer wird Schokolade gehandelt werden? Wo kommen wir an? Wie lange am Stück werden wir schlafen können? 


Und, wenn sich all das eingespielt hat, die wichtigen Themen verhandelt worden sind, wenn wir den Rhythmus des Schiffes verinnerlicht haben, beginnt das Gespräch mit der See. Einige Tage brauche ich, um Sprache zu finden. Wir sind trotzdem im Dialog – die See und ich. Ich nehme ,geroesemoes‘ wahr, aber ich kann es nicht verstehen – zu viel Störgeräusche vom Land. Die See begrüßt mich am Morgen.

Im Schlaf schon, merke ich ihre Stimmungsänderung. Wenn mich mein eigenes Gewicht in die ›leeboards‹ drückt, weiß ich, sie singt, nicht melodisch, sondern monoton, wie ein Arbeitslied. Und das Schiff singt mit. Und ich weiß, die See braucht jetzt meine Aufmerksamkeit. Wir arbeiten konzentriert. Die See führt – wenn ich mich nicht streiten möchte, folge ich. Dann gibt es Tage, da möchte sich die See streiten. Sie schmeißt mich durch die ,Galley‘, wutentbrannt, cholerisch, unkontrolliert. 

,Seavast‘ wird zum neuen Begriff, alle Bewegungsachsen werden erprobt. Kein Takt, keine Tonhöhe. Nervenaufreibendes Getöse. Mir bleibt nichts, als zu erdulden und zu warten und manchmal still zu weinen (über die Willkür, mit der sie mich trifft) oder ihr den Rücken zu kehren. Sie befeuert mich in der Kombüse mit Tiefkühlhähnchen, ich lasse meine Wut am Brotteig aus. Am Ende des Tages wird sich der Duft von frischem Rosinenbrot über das Deck verbreiten und die Crew wird wissen: Alles wird gut! Den Tag darauf zieht sie mich wieder auf den Schoß, wiegt mich hin und her, umsäuselt mich mit ihren Wogen. Und abends, wenn sie mich in den Schlaf wiegt, weiß ich:

Alles wird gut! Und ich kann ihr verzeihen.

Wir tanzen – wenn sie nicht wütend ist – mit langen Schritten. Walzer. Ein einfacher Takt. Ich kann danach kochen. Eins – zwei – drei – vier – eins – zwei – drei – die Möhren – ins Sieb – und – zwei – drei – vier – zum Waschbecken – und – zwei – drei – vier –Wasser auf – Wasser zu – zwei – drei – vier – langer Schritt – Schneidebrett – zwei – drei – vier – absetzen – zwei– drei – vier – schritt mit der Welle mit.

Wir reden nicht viel an solchen Tagen. Wir geben uns dem Takt hin. Ich und Du, bis wir erschöpft sind und ruhen möchten. Und dann hörst Du mir zu, schweigst und ich schweige. Kein Horizont. Unten – oben – kaum vorhanden. Farben silberseiden. Lautes Schimmern könnte leiser nicht sein. Als wäre nichts und zugleich alles.