Im Maschinenraum des Fachbereichs

Dreiunddreißig Jahre lang arbeitete Andreas Mathiä als Hausmeister am Fachbereich Gestaltung. Wie fühlt es sich an, nach einer so langen Zeit in Rente zu gehen? „Noch habe ich Urlaub“, sagt Andreas. Und so führt er uns, eine kleine Gruppe, die wie zu einer speziellen Kräuterwanderung aufgebrochen, erwartungsvoll Richtung Treppenabgang folgt, in seinem Urlaub durch die geheimen Gänge und Räume der Lampingstraße.

  • Text Lucia Thiede
  • Fotografie Patrick Pollmeier

Im Untergeschoss, gegenüber den Toiletten und einer Wand, die er lange unverputzt ließ, damit Student:innen die Rohranlagen für ihre Projekte nutzen können, öffnet Andreas eine Tür, durch die er und die anderen Hausmeister regelmäßig verschwinden und dann nicht wieder auftauchen. Es ist der direkte Weg zur Werkstatt. Und zum Maschinenraum des Fachbereichs. 

„Meine Güte, das sieht ja schlimm aus.“, findet er. „Das sieht hier aus, wie bei Hempels unterm Sofa.“ Die rauschenden Heizungsanlagen verschlucken manches Wort in dem gut ausgeleuchteten Keller, aber dass Andreas stolz ist, überhört unsere kleine Gruppe nicht. Patrick, der sein Stativ zwischen den Ablagen, Sägen und Rollschränken abgestellt hat, widmet sich den Motiven des Arbeitsraumes. Sie wirken fast inszeniert: Ein uraltes Radio, eine prominent stehende Mikrowelle, riesige Schlüssel an rostigen Nägeln. Sie gingen alle durch Andreas‘ Hände. Bis heute sind noch Hunderte im Umlauf, sagt Andreas, obwohl mittlerweile alles mit Schlüsselkarten funktioniert. 

„Wir haben manchmal hier gefeiert – mal größer, mal kleiner – und gekocht: Forelle blau, Irish Stew.“ Andreas erzählt, zu welchen Platten sie getanzt haben. Aus einem dekorativen, roten Schuber zieht er sorgsam die Cover einer kleinen Hörplattensammlung: Rotkäppchen, Ferien auf Saltkrokan, Max und Moritz. 


Andreas hat sie in den 1990er-Jahren gesammelt, als er neben seiner Tätigkeit am Fachbereich Haushaltsauflösungen gemacht hat. „Das war mir zu schade wegzuschmeißen.“ Er scheint meine Nachfrage gar nicht zu hören, ob das nicht alles ein bisschen viel war. Er habe ja auch Zeitungen ausgetragen und Gärten gepflegt. „Von nix kommt nix. Ich bin ‘90 mit zwei Kindern, zwei Koffern und einer Frau aus Rumänien hier hingekommen und dann musste ich ja etwas tun.“ 

Als er dem Rat eines deutschen Freundes folgend Rumänien verließ, arbeitete er in einer Spedition in Bad Salzuflen. Seinem Freund sagte er erst nach einigen Monaten, dass er tatsächlich nach Deutschland gekommen war. Da hatte er sich schon längst eingelebt. „Eigentlich wollte ich nach Bayern, weil die Schwester und der Bruder meines Vaters seit dem Zweiten Weltkrieg dort lebten. Aber dann habe ich die FH gekriegt.“

"Aber dann habe ich die FH gekriegt."

Wenn er von seiner Arbeit an der FH spricht, dann nie über eine umrissene Aufgabe. „Ich war hier“, sagt Andreas auf die Frage, was er am Fachbereich gemacht hat, und man weiß genau, was er damit meint. Der Fachbereich war ein Zuhause für ihn. Nur einmal dachte er darüber nach, seine Tätigkeit zu beenden, erzählt er: Als bei Dr. Oetker eine Stelle ausgeschrieben wurde. „Ich hatte mich beworben, weil ich den Geschäftsführer kannte, aber dann habe ich die Bewerbung wieder zurückgezogen. Ich habe gesagt: Ich gebe den Spatz in der Hand nicht für die Taube auf dem Dach. Und das war gut so. Ich habe zwar ein bisschen weniger verdient, aber ich hatte mehr Freiheit.“ 

„Ich habe ja auch zwanzig Jahre in der Wohnung gegenüber der FH gewohnt.“ So richtig frei hatte Andreas nie, weil er damit rechnete, jederzeit gebraucht zu werden. „Der Dekan damals, Karl-Heinz Meyer, der hat mich damals um drei aus dem Bett geschmissen. Er hatte seine Schlüssel in der Cafeteria eingeschlossen, dann bin ich mit ihm rüber.“ Andreas hatte immer rettende Schlüssel und gute Ratschläge, aber manchmal, da reichte es auch ihm. „Beim dritten Mal habe ich gesagt: Nein. Ich komme nicht.“


Sieben Dekane, 33 Jahre, drei Monate und ein paar Tage sei er Hausmeister gewesen. Am stärksten verändert habe sich, dass die Diplom-Student:innen mehr Zeit hatten und deswegen mehr am Fachbereich lebten. Vor allem die Textildesigner:innen, die sogar Teppiche getuftet haben, webten, Stoffe druckten.

Aber auch im Zeichensaal wurde ständig gemalt oder man verbrachte dort einfach Zeit, saß auf dem roten Sofa dort. Es waren insgesamt mehr Student:innen am Fachbereich: So viele, dass zur Werkschau ein abgelassenes Lehrschwimmbecken als Ausstellungsraum genutzt wurde. „Das war aber einfacher als heute. Die Formate waren kleiner und es störte niemanden, dass die Tische und Stühle herumstanden. Dabei sahen die aus wie Hulle.“ Überhaupt war alles sehr unkompliziert. Der Dekan schlief regelmäßig im Zeichensaal oder im Dekanat, so manche waren Tag und Nacht dort.

Andreas findet auf dem Boden der Halle eine Fotografie aus dem Maschinenraum wieder. „Das habe ich mal aus dem Container gefischt, das war mir zu schade.“, sagt er. Sie stand immer über der Tür in der Werkstatt. Aber zurückhängen möchte er es jetzt trotzdem nicht. „Das war so nostalgisch.“

Er kennt jeden Lichtschalter in den abgelegensten Lagerräumen, die mal voller Lampen stehen, dann wieder voller Kabel oder Spiegel. Er kennt die Geschichte jedes Heizungsverteilers und Brenners (auch die der seit Jahren brach liegenden, die dem Brandschutz zum Opfer fielen, und die noch anzuschließenden), erinnert sich daran, wann welcher Belüftungsschacht in Betrieb genommen wurde, welche Entrauchung dem jeweiligen Gebäudeteil zugeordnet ist. Wenn man Andreas zuhört, besteht der Fachbereich nicht länger aus Einzelentscheidungen, sondern aus unterirdischen Netzen, die alle Bereiche versorgen. Ein vielarmiger Fluss, der sich in den Kellerräumen wieder und wieder verzweigt, der über die Jahre an einigen Stellen austrocknete und sich an anderen überraschend verbreiterte.

„Da wo jetzt die Druckerei ist, war früher die Küche. Da, wo die Bibliothek ist, da war die Mensa, die Bibliothek war im Typo-Bereich. Deswegen ist da noch der kleine Aufzug. Und dann wollte man einen neuen Aufzug für die Bibliothek bauen, aber das ging nicht, weil an der Stelle Rohre entlangliefen. Sie buddelten ein Loch und sahen die Rohre. Das habe ich ihnen gleich gesagt! Sie fragten: ,Woher willst Du das wissen.‘– ,Na, weil das so ist!‘ Und dann haben sie das Loch aufgelassen. Jetzt ist es halt so wie es ist.“


Andreas lässt die Stadien der Heizungsanlage Revue passieren, schließt stoisch jede Tür auf unserem Weg auf, zwischendurch verschwindet Patrick in einem Lampenlager oder bittet, kurz die Tür zu schließen, damit er fotografieren kann. Charlie rettet eine handtellergroße Kröte aus dem schmalen Wasserlauf einer Zerspanungsfuge. „Ich warte.“, versichert Andreas mit einer Ruhe, die man sich nicht vornehmen kann.

Er kennt das wahrscheinlich gar nicht anders. Wenn er sich seinen Aufgaben als Hausmeister widmete, dann geschah das immer mit der Dynamik am Fachbereich, die sich in jedem Moment verändern konnte. Manches schien ihn in dieser Dynamik auch zu überraschen, aber es brachte seine Arbeit nicht wirklich durcheinander. Während sich Charlie um die Kröte kümmert, guckt sich Andreas nach der Tauchpumpe um, die er irgendwann einmal dort installiert hat. „Ich weiß nicht, wo die hingekommen ist.“

In der nachgelagerten Halle sind die Spuren zweier riesiger Öltanks zu sehen, die in hunderten Einzelteilen und unter immensem Gestank aus dem Zentrum des Gebäudes transportiert wurden. „Ja. Und jetzt könnte man hier Party feiern.“


Es klingt so selbstverständlich, wenn Andreas erzählt, wie er sich um die kleinen und großen Belange gekümmert hat, dass es sich beinahe unsinnig anfühlt, ihn danach zu fragen, warum er in all den Jahren so viel für die Leute am Fachbereich beschafft, organisiert, repariert hat: Als die Hochschule umzog, ergatterte er unzählige Möbel anderer Fachbereiche und ersetzte die Einrichtung in den Seminarräumen. Bei den Ausstellungen verlieh er Grills und Kühlschränke, die er bei Haushaltsauflösungen gefunden hatte und von denen er annahm, dass die Student:innen sie gut gebrauchen konnten. Über die Jahre sammelten sich Krücken, Tretroller, Tischtennisplatten, Fassadengerüste an.

„Es lag mir immer am Herzen. Ich habe immer gesagt: Ich weiß, dass ich nicht dafür zuständig bin, aber was wäre ich, was für eine Funktion hätte ich, wenn es die Leute nicht gäb. Wenn es keine Studierenden gibt, dann braucht man auch keinen Hausmeister.“

Manchmal hat sich Andreas damit das Leben schwer gemacht. Zum Beispiel, wenn er Ideen hatte, um Ausstellungspodeste über die Jahre wiederzuverwenden. „Da habe ich mir ‘was an die Backe gebunden. Dann hieß es: ,Ja, wo sind die Podeste?‘“ Mit dem Hausmeisterberuf geht einher, dass Leute mit Problemen auf einen zukommen. Und gelegentlich hinterlassen diese Leute Probleme, vor allem, wenn das Semester endet. „In den 90er-Jahren war die FH nur vormittags offen. Wir hatten aber auch viel zu tun. Was die Studierenden über das Semester angeschleppt haben, das haben wir in den Ferien in zwei Mulden wieder wegtransportiert. Aber meine Frau wollte sowieso nicht in den Urlaub. Sie hat immer gesagt: ,Am schönsten ist es zuhause. Guck in den Garten, geh raus, dann bist Du in der Sonne.‘“ Andreas gibt ihr recht: „Die schönste Gartenarbeit ist das Grillen.“

Dass er so viel Zeit am Fachbereich verbracht hat, scheint ihn überhaupt nicht zu stören. Es klingt wehmütig, wenn er sagt: „Es war eine schöne Zeit. Es gibt immer wieder welche, die könnte man auf den Mond schießen, aber da guckt man drüber weg.“ 

"Es wäre nicht so schön gewesen, wenn die Leute nicht da gewesen wären.“

Andreas schaltet das Licht aus und führt uns zurück zum Ausgangspunkt unseres Weges. „Sonst sind wir ja bis morgen noch hier.“ Auf dem Rückweg zeigt er uns die Kühlschränke (deren Biervorrat sich nach und nach verringert hat), die Dusche, die er nur einmal 1990 benutzt hat, nachdem er die Glühbirnen in der Krone der Bibliothek ausgetauscht hatte und die in all den folgenden Jahren als Winterreifenlager diente und Herrn Florens Kabuff, in dem er sich nur umziehen sollte, das aber jetzt voller Kleidung, Radios und Hanteln steht.

Heute sind ein Teil der Räume Papierlager, mit teilweise jahrzehntealten Angeboten, Rechnungen, Belegen. Wie viel Bürokratie hatte er als Hausmeister zu erledigen? Musste er sich, wie in fast allen Berufsfeldern, immer mehr gegen Bürokratie wehren? „Vielleicht ist es so gekommen. Aber es ist nicht aufgefallen. Wir haben uns nicht gegen Bürokratie gewehrt. Vieles erledigt sich durch längeres Liegenlassen von selber. Und das haben wir auch so gehandhabt. Ich habe nie nein gesagt, ich habe immer gesagt: Mach ich. Manchmal habe ich es gemacht und manchmal ist es liegen geblieben.“

Wir haben uns nicht gegen Bürokratie gewehrt. Vieles erledigt sich durch längeres Liegenlassen von selber.

Dann steigen wir noch eine Etage tiefer in die Bunkerräume, in denen unter anderem die Überreste eines Bildnachlasses, Druckplatten und kippbare Tische lagern. In den Nebensätzen erwähnt Andreas, dass er hin und wieder ein dort lagerndes Bild zurechtgerückt hat, von dem er wusste, dass es dem Künstler wichtig war. Diese Bilder sind genauso Teil dieser unterirdischen Landschaft wie die Märchenschallplatten oder die Anlagen, auch wenn sie an einem anderen Ort wie aus zwei sich nie berührenden Welten wirken würden.

„Braucht noch jemand Tische?“, fragt Andreas. „Mitnehmen. Fertig.“ Wir zählen Andreas´ Schenkungen der letzten Jahre auf, fragen ihn, ob er sich daran noch erinnert. „Nö.“, sagt er. Aber besonders glaubwürdig ist es nicht, denn bis heute erinnert er sich an die Namen der Student:innen, die in den 1990er-Jahren in den kleinsten Kellerräumen gearbeitet oder ausgestellt haben. „Das bleibt einfach im Kopf.“

Wir stehen in einem unauffälligen kleinen Raum im Untergeschoss, in dessen Boden eine Luke eingelassen ist: Hier geht es zum Kriechkeller, der dem Flur vom einen bis zum anderen Ende des Gebäudes folgt. „Ich könnte mitkommen“, überlegt Andreas. „Aber nicht bis zum Ende. Obwohl… kommt.“ Beherzt öffnet Andreas die Luke und steigt hinab in den Schiffsbauch der FH. Nasse, kalte Luft steht in den niedrigen Gängen, auf dem Boden hat sich Wasser gesammelt.

„Ja, die haben die Drainage hier hereingeführt. An drei Stellen läuft es aus der Wand heraus. Kein Problem, das ist seit 1955 so.“

Wir haben alle geheimen Gänge gesehen. Bald sind Ferien, dann wird Andreas‘ Urlaub vorbei sein. Als wir die Treppe wieder hinaufsteigen, ist es ein bisschen so, als würden wir aus einer Parallelwelt auftauchen. 

„Ich glaube das war‘s. Ich hoffe, dass ich euch helfen konnte.“