In der Bibliothek weinen und aus dem Fenster schauen

  • Text Carina Thomas
  • Abbildungen Carina Thomas

Weinen ist ein schwaches Verb und wird laut Duden als Ausdruck von Schmerz, von starker innerer Erregung definiert. Ein schwaches Verb, obwohl man so stark sein muss, wenn man weint. Ich habe während meines Studiums schon oft geweint, auch in der Lampingstraße. Und wo geht man hin, wenn es einem nicht gut geht? Eine rückblickende Analyse mit Bewertungen der besten Orte, an denen man an unserem Fachbereich Tränen vergießen (und dabei in kurzen, hörbaren Zügen einatmen und klagende Laute von sich geben) kann.

Die Flucht nach vorn ergreifen und in der Cafeteria auf das Mittagessen weinen (Bewertung: 7/10)

Habe ich schon gemacht. Haben Freund:innen von mir schon gemacht. Die Konsequenzen sind mitfühlende Worte von den Tischnachbar:innen und Umarmungen. Außerdem scheint es nicht allzu ungewöhnlich zu sein. Anderen Essende bemerken es gar nicht, entweder weil sie es höflicherweise ignorieren oder weil das Schluchzen in der Geschäuschkulisse der Cafeteria untergeht.

Im Kurs weinen und rausgehen (Bewertung: 3/10)

Habe ich auch getestet. Es fühlt sich sehr peinlich an, weil der Zeitpunkt meist gar nicht passend ist und man sich auf dem Weg zur Tür zusammenreißen möchte, was womöglich in einem zittrig lauten Einatmen kurz vor der rettenden Türklinke gipfelt. Der Sprint zur Toilette, um die Nase zu putzen und durchzuatmen, kann unbemerkt zurückgelegt werden. Der Walk of Shame folgt jedoch, wenn man den Kursraum wieder betritt und versucht, mit festem Schritt zu seinem Platz zu gelangen. Womöglich schauen die anderen auf. Womöglich stolpert man, weil neue Tränen die Sicht vernebeln. Womöglich hat man das Gefühl, sich erklären zu müssen. Womöglich steht dieses unangenehme Ereignis von da an zwischen einem selbst und den Lehrenden.

Im Fahrstuhl weinen (Bewertung: 5/10)

Man ist allein oder maximal zu zweit. Der Spiegel spiegelt einem, dass man nicht wie die Schauspieler:innen im Film aussieht, wenn man weint. Ganz im Gegenteil schaut eine Mischung aus dem Schrei von Munch kombiniert mit Yodas Stirnfalten zurück. Die Fahrt ist kurz. Selbst vom Keller bis nach ganz oben dauert es nur ein paar Sekunden. Und wenn die Türen sich öffnen, steht man entweder einem Prof, einem Fotostudi oder jemandem aus der Verwaltung gegenüber. Am besten hat man einen Plan B für die Zeit nach dem Fahrstuhl.

In Raum 204 weinen, bis WiSe 2023/24 (Bewertung: 9/10)

Im Arbeitsraum ist man in der Regel mit Freund:innen zusammen und bekommt Unterstützung. Man kann sich laut weinend auf den Boden werfen und danach auf dem beigen Sofa wieder sammeln. Jetzt, da der Raum zum schwarz getünchten Kinoraum umgestaltet wurde, müsste ich neue Studien anstellen. Meine Prognose: 4 / 10: Die neuen Vorhänge könnten für gute Schallisolierung sorgen, aber das Sofa fehlt und die Wandfarbe wirkt deprimierend.

In der Bibliothek weinen (Bewertung: 10/10)

Habe ich noch nie gemacht, aber stelle ich mir filmreif vor. Durchs Fenster auf die Kirschblüten blicken, ein paar Tauben sehen, wie sie eifrig im Gras herumhüpfen, kurz an das Buch Tauben im Gras und die Schulzeit denken. Die Wolken vorbeiziehen sehen. Man ist mit ein wenig Glück alleine, nur umgeben von Büchern, und kann melodramatisch den Kopf auf die Arme legen und Musik hören, während man im Selbstmitleid versinkt.

In der Holzwerkstatt weinen (Bewertung: 2/10)

Kann ich nicht empfehlen. Sehr unangenehm. Es gibt kein Fenster zum Rausschauen, man ist nicht allein, sondern unter Beobachtung und muss erst ein Labyrinth aus vielen Türen und Holzspänen überwinden, um nach draußen zu gelangen.

Fazit

Mir ist noch einmal klargeworden, dass selbst in den absurdesten Momenten unseres Studierendenlebens Raum für Emotionen sein sollte. In einem Meer aus Herausforderungen, Prüfungen und sozialen Alltagshürden ist es okay, Tränen zu vergießen. Vielleicht sogar in Form einer spontanen Performance vor dem Dekanat.