designismy_passion ist mit 393 Followern nicht unbedingt das, was man als popkulturelles Phänomen mit großer Reichweite bezeichnen kann. Wer aber die Kommentare unter den Memes liest, verliert jeden Zweifel daran, dass die Seite mit viel Humor wunde Punkte trifft, die auf eine ästhetische Aufarbeitung gewartet zu haben scheinen.
TextLucia Thiede
AbbildungenLucia Thiede
Zu viel kaffee trinken, gedrehte rauchen und broke sein (eltern zahlen miete und alles andere auch) – Ist da etwas dran? Vor meinem inneren Auge erscheint Side-eyeing-Chloe, die sich in meiner Vorstellung ein bisschen erwischt fühlt. Aber wird das Meme des skeptisch zur Seite guckenden Mädchens mit Überbiss tatsächlich in einem solchen Kontext verwendet?
Woher weiß ich, dass ich ein Meme verstanden habe? Eine kurze Sideeye-Recherche auf Tiktok führt mich zu einem Golden Retriever, der mit Explosionen hinterlegt seitlich in die Kamera guckt: Als Reaktion auf den Kommentar "bombastic side eye". Es folgen zwei Kleinkinder, die wirklich sehr skeptisch gucken, eine junge Frau, die sich in einem Wartezimmer mit klebrigem Gesäß auf Geldscheine setzt und ein glühendes Backförmchen, dass jemand in eine Styroporverpackung wirft, die daraufhin schmerzhaft laut zu quietschen beginnt.
Ich verstehe das nicht. Warum erklärt einem niemand, was das alles zu bedeuten hat? Dieses Gefühl zieht sich durch meine Social-Media-Erfahrungen hindurch. Meine Schwester hingegen erkennt sofort, wenn eine Burgerkette auf die Serie ,Haus des Geldes‘ anspielt oder ein Werbespot sich an der Meme-Ikone Hide-the-pain-Harold bedient. Wenn ich sie frage, was sie daran lustig findet, sagt sie schulterzuckend: Das ist eben lustig. Man wisse eben genau, was gemeint ist, wenn jemand ein solches Meme verschickt.
Warum erklärt einem niemand, was das alles zu bedeuten hat?
Memes vereinen offenbar mehr oder weniger komplexe popkulturelle Bezüge mit Humor und Kommunikation. Seit ich eines Abends ausgelassen darüber lache, dass ich mich vor meiner Arbeit drücke, indem ich Memes über Prokrastination am Fachbereich Gestaltung durchscrolle, weiß ich diese Unterhaltung sehr zu schätzen. Diese unmittelbare Erfahrung in einem Meme zu sehen, ist ziemlich lustig – und designismy_passion fängt einige solcher Momente ein: Nervige Slack- und Verteilernachrichten werden mit den passenden Stockfotos, Emojis und Effektschriften zu kultigen Gesamtkunstwerken, die einen Sogcharakter haben, überspitzte Kategorisierungen der Studis in Gruppen wie die Berliner, die Forum-Gänger oder die Mullets wirken verwerflich und zugleich entwaffnend akkurat beobachtet.
Dass Memes im Gestaltungsbereich eine große Resonanz erfahren, ist nicht verwunderlich. Mit schlechter Ästhetik Kulturformen zu imitieren und zu ironisieren, die einem zuweilen das Leben schwer machen, hat etwas Befreiendes an sich – umso mehr in einem Bereich, der für gute Gestaltung stehen möchte und sich sowieso mit der Frage auseinandersetzen muss, was das in Zeiten von KI-generiertem Hyperrealismus bedeutet. Sind dilettantisch ausgeschnittene und zusammengefügte Fotoausschnitte brutalistische Einblicke in das sogenannte echte Leben?
Dafür spricht die Anonymität des Urhebers, wolf (he/him), der so viel Wert auf ein klischeetreues Aussehen legt – Lederjacke, Docs, Wolfcut – dass man fast annehmen muss, die Seite werde von einer untypisch stark an die restliche Welt angepassten Person betrieben. Kein Lebensbereich bleibt illusioniert: Weder Nichtorte wie der Audimax oder der Spintkeller, noch die Erstiveranstaltungen werden verschont. Lehrende wie Studierende werden in ihrer bemühten Unberechenbarkeit entlarvt, was nicht zuletzt Widersprüche aufdeckt, die an diesen Plätzen oft gefühlt und selten ausgesprochen wurden: Es ist also doch nicht selbstverständlich, eigentlich Berlinerin auf Durchreise zu sein. Und es ist vielleicht doch nicht notwendig, sich für verputzte Wände mit stinknormaler Deckenhöhe zu schämen, die (vielleicht) zum Teil von den Eltern finanziert werden.
Die ästhetische Rauheit von Memes entspricht ziemlich genau der Rauheit, mit der sich viele Gestaltungsstudent:innen schon länger identifizieren, als es „First-world-problems-Generator“ mit Meme-template gibt. Es wäre leicht zu behaupten, dass es eine gute Portion Unvollkommenheit braucht, um kreativ arbeiten zu können, einen interessanten Blick auf die Welt einzufangen und (ästhetische) Standards zu durchbrechen. Auch die Erklärung, dass dem Glattgebügelten immer etwas Unauthentisches anhaftet, und es deswegen mit einem broken Lebenswandel dagegen zu halten gilt, greift zu kurz.
Die ästhetische Rauheit von Memes entspricht ziemlich genau der Rauheit, mit der sich viele Gestaltungsstudent:innen schon länger identifizieren.
Instanzen wie der wolf des Fachbereichs Gestaltung decken Dissonanzen auf, die der Erfahrung Vieler entsprechen und bringen sie so humorvoll auf den Punkt, dass man sich kurz darauf einlassen kann, dass hinter jeder schlecht besuchten Vorlesung, ungerecht empfundenen Note und übertrieben edgy aufgezogenen Hausparty ein bisschen systematischer Wahnsinn steckt, der zu diesem Studium dazu gehört wie das Angepasstsein zum Individualismus oder die Egal-Haltung zur Kritik an veralteten Strukturen. Vielleicht vermittelt das Meme die Dosis Widerspruch, die mit dem Selbstbild noch vereinbar und deswegen ziemlich lustig ist. Niedrigschwellig als kleiner Scherz verpackt, der wenig Arbeit macht und kaum Aufmerksamkeit fordert, erzeugt es das Gefühl, Irritationen mit Humor nehmen zu können, statt sich über sie zu ärgern.
Regelrecht versöhnlich stehen die Studienrichtungen in ausgewogen unverschämten Slides nebeneinander: Dmx und Foto kriegen nicht weniger ab als Mode oder KD. Das wirkt überraschend verbindend, wie eine Teambuildingmaßnahme, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, alle gegeneinander aufzubringen – nur eben nicht ernsthaft, sondern mit Respekt vor der jeweiligen Widersprüchlichkeit. Und wenn bei einer Lehrperson, dem Hausmeister oder dem Sicherheitsdienst doch einmal ein wunder Punkt getroffen werden sollte, können sich wolf aka designismy_passion und alle Angesprochenen darauf zurückziehen, dass jemand, der drei Jahre (als ob) studiert hat, um bei Mate und Pueblo diese Memes zu erstellen, nicht wirklich eine Bedrohung für Designidentitäten darstellen kann. #bombasticsideeye