Radikal und zärtlich zugleich

  • Interview Dirk Fütterer, Katharina Lübeck
, Ronja Hempel, Aimilia Athanasia Theofilopoulos
  • Fotografie Patrick Pollmeier

Was denken Sie über die Erwartungen an die neue Generation Z? Welche gestalterischen Chancen und Grenzen hat KI? Was wünschen Sie sich persönlich? Dekan Dirk Fütterer hat vier Studentinnen des Fachbereichs Gestaltung befragt. Resümee: Wer nachhaltige Veränderungen erreichen will, benötigt zunächst ein verändertes Mindset.

Dirk Fütterer diskutierte mit vier Studentinnen am Fachbereich Gestaltung über ihre Sicht auf Erwartungshaltungen an die Next Generation, über Chancen und Grenzen von KI und über persönliche Wünsche.

DF

Klimakrise, Pandemien, Migration... – Die Next Generation scheint vor zahllosen Herausforderungen zu stehen. Welche Erwartungshaltung spürt ihr und welche Aufgaben stellt ihr euch selber? Und worin unterscheiden sich Generation Y und Generation Z?

KL

Der Begriff Next Generation wird eher von Älteren verwendet. Nachhaltigkeit und Artenschutz waren für mich schon durch meine Eltern relevant. Bislang galt es als selbstverständlich, dass Unternehmen wachsen müssen. Doch Wachstum ist endlich, weil die Ressourcen endlich sind. Wir befinden uns an einem Wendepunkt, an dem Wirtschaftswachstum nicht mehr die Priorität haben kann. Wir müssen uns auch mit anderen Dingen beschäftigen.

RH

Unserer Generation wurde in die Wiege gelegt, dass sie sich sehr stark mit der Zukunft – mit großen Themen wie dem Klimawandel – beschäftigen muss.

CT

Hier an der Hochschule sind wir mit den Millennials und den Post-Millennials unterwegs. Die neue Generation ist mit Smartphones und Social Media aufgewachsen. In meiner Jugend waren viele dieser Dinge noch in der Erfindungsphase. Entsprechend unterscheiden sich diese Generationen im Denken und Verhalten. Neben der Erwartungshaltung, etwas Grundlegendes zu verändern, spüre ich einen großen Zusammenhalt. Wir müssen der nachfolgenden Generation den Weg bereiten. Aktuell scheint eine Dezentralisierung von Strukturen stattzufinden. Statt in einer Firma für einen Chef zu arbeiten, sind wir es gewöhnt, in Netzwerken zu arbeiten. Das eröffnet uns auch weitere berufliche Türen.

AT

Im Vergleich zu den aktuellen Studienanfänger:innen fällt ein veränderter Umgang mit Technologie auf. Die neu hinzukommenden Studierenden arbeiten zum Beispiel viel stärker mit Mixed Media, während es bei mir noch eher reine Fotografie war. Es mag so wirken, als gäbe es vor allem an die Next Generation einen Auftrag, etwas zu ändern. Doch man muss bedenken, dass auch frühere Generationen immer für etwas gekämpft haben. Das waren einfach andere Themen. Jetzt wirkt es anders, weil die Aufgaben so groß sind. 

DF

Mit der Einführung des iPhones brach sich 2007 eine kulturelle Revolution Bahn: Plötzlich konnte jede und jeder einen kleinen internetfähigen Computer mit Telefonfunktion am Körper tragen. Eineinhalb Jahrzehnte später bringt die Digitalisierung weitere radikale neue Möglichkeiten hervor. Was ist eurer Meinung nach das next big thing?

KL

Durch KI werden sicher in einigen Bereichen Berufe wegfallen, in anderen aber auch neu entstehen. Tools wie ChatGPT, das aus einigen Stichwörtern ganze Aufsätze schreibt, oder die KI Dall-E 2, die Bilder malt, bringen schon heute beeindruckende Leistungen. Doch Dall-E ist gefüttert mit Bilddaten aus dem Internet, ohne dass Rechteinhaber eine Zustimmung gegeben haben. Das wird die Gesellschaft stark beschäftigen.

CT

Während das Web 2.0 heute zentral von Konzernen wie Meta bestimmt ist, dürften im Web 3.0 die Erstellung und der Einfluss von individuellen Algorithmen wieder stärker in den Vordergrund rücken. Neben der fortschreitenden Digitalisierung beginnt aber auch eine neue Handwerksbewegung zum Nähen, Stricken, eben handwerklichem Gestalten. Unser Gehirn wird ganz anders angeregt, wenn wir etwas mit unseren Händen schaffen. Weiterhin werden schon allein aus Ressourcenknappheit Reparierbarkeit und Wieder- und Weiterverwendung von Gütern an Bedeutung gewinnen.

RH

Widersprüchliche Tendenzen wie das Höher-Schneller-Weiter und das sogenannte quiet quitting können sich jeweils verstärken und Extreme bilden. Ereignisse und Veränderungen werden noch schneller getaktet auf uns einprasseln. Wir werden irgendwann keine Zeit mehr haben und müssen dementsprechend eindeutig handeln. Wir müssen unser Mindset ändern, sodass wir dann ein verändertes Leben einfordern. 

AT

Wir müssen in dem, was wir tun, radikal sein. Gleichzeitig müssen wir aber auch zärtlich sein mit uns und unserem Umfeld. Trotz KI werden wir als Menschen zentrale Entscheidungen treffen müssen. Nur so können wir Gesellschaft und Umwelt umbauen. Auch deshalb wäre es an der Hochschule sinnvoll, stärker über tagesaktuelle Themen zu sprechen. Darüber können wir den Blick auf unsere gestalterische Arbeit überprüfen: Ergibt die Sache, die wir gerade machen, Sinn oder nicht?