Eine Frage der Faser

Recyclingbetrieb SOEX gemacht, um unseren Altkleidern auf die Spur zu kommen. Dabei haben wir nicht nur über die große Sortierleistung gestaunt, die solche Betriebe in Deutschland erbringen, sondern auch festgestellt, wie wenig unserer tatsächlich recycelt werden können

  • Text Jutta Meisen

Das STFI in Chemnitz ist eine freie Forschungsinstitution, die sich mit der kompletten textilen Produktionskette auseinandersetzt, vor allem aber mit der Textilveredelung. Hier wird für die Industrie geforscht und es werden Maschinen-Prototypen entwickelt, die möglichst schnell in der industriellen Nutzung durch Firmen angewendet werden können. Dabei liegt der Fokus der Forschung besonders auf der Umsetzung von Technologien für die Automatisierung des textilen Sektors.

Das könnte auch beim Textilrecycling eine wichtige Rolle spielen, da KIs dafür sorgen könnten, das Sortieren zu vereinfachen und das genaue Erkennen der Faserbestandteile eines Kleidungsstückes möglich zu machen.

Allgemein kann man sagen, dass die Textilbranche ein Sektor ist, in dem noch immer der größte Teil der Produktion per Hand erledigt wird. In den großen Produktionsländern Bangladesch, China, Pakistan und Türkei aber auch in Produktionsländern in Osteuropa werden kaum Maschinen genutzt, die bestimmte Arbeitsschritte automatisiert umsetzen können. 

Weltweit arbeiten rund 75 Millionen Menschen in der Textilindustrie. Das sind etwa 12,6% aller Arbeitskräfte. All diese Menschen arbeiten an Nähmaschinen, die noch immer mit der Hand bedient werden, zum Teil sogar in Heimarbeit. Das liegt vor allem daran, dass sich Textilien durch ihre flexible Struktur ganz anders händeln lassen als es Autoteile oder Pappverpackungen tun. Stoff kann nicht einfach durch einen Roboter in Form gehalten werden, sondern erfordert Fingerspitzengefühl in der Verarbeit

Eine Automatisierung der Textilbranche könnte für eine Entlastung der Arbeitskräfte und für mehr Sicherheit in produzierenden Ländern sorgen und die Industrie anderen Ländern annähern, in denen ein Großteil der Bekleidung konsumiert wird. Im Faserrecycling spielt Automatisierung auch heute schon eine große Rolle.

Johannes Leis, Wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich Recycling und textile Nachhaltigkeit führt uns durch die Forschungsabteilung des STFI, in dem die gesamte Verarbeitungskette des mechanischen Textil-Recyclings dargestellt wird. 

Gemeinsam stehen wir in einer Halle voller großer, blau lackierter Maschinen. Aus einer der Stahlgiganten quilt ein fluffiger, weißer Flausch: synthetische Fasern, die schon die ersten Schritte des Recyclings durchlaufen haben. Johannes betont, dass das Institut hier nur an sogenannten mechanischen Recyclingverfahren forscht. Das bedeutet, die Fasern werden durch verschiedene Schneid- und Reißverfahren voneinander getrennt, statt sie im chemischen Recycling durch Lösemittel zu verflüssigen und in neue Fasern zu pressen.

Aus einer der Stahlgiganten quilt ein fluffiger, weißer Flausch.

Für das mechanische Recycling werden die zuvor nach Material und Farbe sortierten Textilien zunächst zerschnitten, damit sich eine homogene Vorlage für den nächsten Prozessschritt ergibt. Außerdem sorgt das Schneiden dafür, dass Metallteile aus der Kleidung entfernt werden, und die Kleidungsstücke verheddern sich beim nächsten Schritt nicht in der Reißmaschine. Beim nächsten Schritt werden die Textilstücke durch nadelbestückte Rollen getrieben, um einzelne Fäden zu lösen. In der Kardier- oder Krempelmaschine werden die Fasern nun noch weiter voneinander getrennt und parallelisiert, also in eine Richtung gekämmt. Der größte Teil der so entstandenen Reißstoffe geht nun in die Fließstoffverarbeitung, erzählt uns Johannes.

Es werden viel weniger Kleidungsstücke zu neuen Fasern gesponnen, als man es sich bei dem Begriff Recycling vielleicht vorstellt. Fließstoffe sind einfacher zu produzieren, eignen sich aber schlecht für die Produktion neuer, hochwertiger Bekleidung. Das Material wird steif und grob und die Qualität ist im Vergleich zum Erstmaterial deutlich geringer. Es wird nur grob nach synthetischen Fasern getrennt. Sortenrein zu trennen ist nur beim chemischen Recycling möglich. Der Nachteil dabei wäre allerdings, dass der Energieverbrauch und die Umweltbelastung deutlich höher wären, wenn mehr Chemikalien eingesetzt würden.