Kreislauf oder Sackgasse?

  • Text Jutta Meisen
  • Abbildungen Jutta Meisen

Die Sonne scheint am Morgen des 6. Mai, als wir gegen 10:30 Uhr im beschaulichen Wolfen (Bitterfeld) ankommen und unsere Blicke über den großen, betonierten Platz zwischen dem Bürogebäude und dem Hallenkomplex des Recyclingbetriebes SOEX schweifen lassen. Als Gruppe Modedesign-Student:innen haben wir fast alle schon einmal in Second-Hand Geschäften, bei Vinted oder auf Vintage-Kilo-Sales geshoppt. Aber einen Einblick hinter die Kulissen eines kommerziellen Recyclingbetriebes hat bisher noch keiner von uns erhalten.

Während meines Studiums habe ich mich immer wieder mit der Frage beschäftigt: Brauchen wir mehr Mode? Gibt es nicht sowieso schon zu viel Kleidung? Das Dilemma der Modeschaffenden, zwischen dem Vergnügen, ansprechende Kleidung zu entwerfen und der Angst, Teil eines ausbeuterischen Systems zu werden, beschäftigt uns täglich. Das ist einer der Gründe, warum wir uns an diesem Tag auf die Reise ins östliche Sachsen-Anhalt begeben haben.

Die Textilverwertungsgesellschaft SOEX ist einer der größten dieser Betriebe Deutschlands. Nach unserer Anmeldung werden wir von Frances empfangen, einer jungen, energischen Frau, die uns freundschaftlich begrüßt. Den Standort in Bitterfeld gibt es seit 1998, erzählt uns Frances, während wir mit Sicherheitswesten bekleidet im Entladebereich vor dem Eingang zum Hallenkomplex stehen und sehen, wie einige Männer einen LKW entladen. Hier wird tonnenweise alter Kleidung aus ganz Europa angeliefert, vor allem aber aus Frankreich.

Im Entladebereich sehen wir schon die ersten Gittercontainer, gefüllt mit blauen Plastiksäcken, Ikea-Tüten, Einkaufsbeuteln und losen Kleidungsstücken. Bevor das Material in die Sortierhallen gelangt, soll der Müll von den Gebrauchsmaterialien getrennt werden. Frances macht klar, dass diese „Störstoffe“ nur allzu häufig zwischen den Kleidungsstücken zu finden sind; von Möbelstücken bis toten Haustieren – bei den 50–100 Tonnen Material, die hier täglich ankommen, lässt sich so etwas leider nicht vermeiden.

Diese „Störstoffe“ sind nur allzu häufig zwischen den Kleidungsstücken zu finden: von Möbelstücken bis toten Haustieren.

Als wir die erste Halle, das Lager, betreten, wird uns sofort das gewaltige Ausmaß der Bekleidungsmengen bewusst, die hier verarbeitet werden müssen. Unsere Blicke fallen auf die Wand aus Gittercontainern, die fast bis zur Hallendecke reicht. Eine Geräuschkulisse der Stapler, Wägen und Laufbänder erfüllt die Luft. Wir fühlen uns etwas erdrückt. Trotzdem ist die Stimmung bei den Angestellten tiefenentspannt. Frances begrüßt einen der Gabelstaplerfahrer humorvoll, man spürt die familiäre Atmosphäre. Ich finde diese Gegensätze erstaunlich und mir wird bewusst, dass wir uns hier an der Basis einer systemrelevanten Struktur befinden, die bodenständiger kaum sein könnte.

Deutschland hat eine der besten Recyclingsysteme der Welt und dennoch merkt man, wie das System unter dem Massenkonsum schwankt. Die recyclebaren oder wiederverwertbaren Produkte werden immer weniger. Trotzdem liegt der Anteil der Textilien, die zu Fließstoff und Dämmmaterial recycelt bzw. downgecycelt werden, mit 10% deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von weniger als 1%. Ein echtes Recycling zu neuen Textilien, ähnlich ihrer Ursprungsqualität, gibt es aber trotz interner Bemühungen bei SOEX noch nicht.

Im Lager beginnt die grobe Sortierung. Während Schuhe aussortiert werden, wirft eine Gruppe Männer die Säcke mit Bekleidung über einen Sammelbehälter, in die gelben Säcke der Trolleys, einem Schienensystem an der Decke, mit dem alle Hallen verbunden sind. „Am besten ist es, wenn Textilspenden in Tüten verpackt in den Altkleidercontainer geworfen werden.“, sagt Frances. Das erleichtert die Arbeit der der Männer in der Lagerhalle.

„Am besten ist es, wenn Textilspenden in Tüten verpackt in den Altkleidercontainer geworfen werden.“

Wir folgen den Trolleys in die Sortierhalle, in der Arbeiterinnen an Tischen aus Edelstahl die ankommende Ware nach Artikelnummern in Kategorien wie Haushalt oder Oberteile sortieren. Einige der Arbeitsplätze wurden mit aussortierten Kuscheltieren und Plastikblumen dekoriert.

„Die Arbeit in der Grobsortierung ist anstrengend und nicht so interessant, wie in der Feinsortierung“, erzählt uns Frances. Früher war man hier sehr unter Zeitdruck, aber die Arbeitsbedingungen haben sich durch ein neues System verbessert, das ohne Provisionen funktioniert. Ca. 2900kg Textilien am Tag sollen die Mitarbeiter:innen seitdem bewältigen. Berufserfahrung oder eine Ausbildung braucht man nicht, um hier zu arbeiten.

An der letzten Station des Sortierprozesses kommen nur noch Kleidungsstücke an, bei denen es sich um „Cremeware“ oder sogar Vintage-Ware handelt – das trifft auf die wenigsten Teile zu. Die meisten landen in der Reißerei. Hier stehen große Maschinen mit Nadelrollen, die Textilien zu Fließballen verarbeiten. Die Ballen stapeln sich, wie zu Beginn unserer Führung die Gittercontainer, bis zur Hallendecke. Sie warten darauf als Dämmstoff oder Innenauskleidung in Autos eine neue Funktion zu bekommen.

Die Kleidung, die weder Cremeware noch recyclebar ist, wird nach Pakistan oder in den Kongo verkauft. Das ist die traurige Ironie der Modebranche: Nachdem die Kleidung erst billig in Pakistan produziert wurde und dann viel zu schnell, zu schlecht für Europa geworden ist, geht sie als vermeintliche Spende zurück in das gleiche Land. Dort muss sie dann zu höheren Preisen von denselben Menschen gekauft werden, die zuvor als Arbeiter:innen für die Nähfabriken gearbeitet haben. In Ländern wie dem Kongo sorgt die aus Europa importierte Altkleidung für ein florierendes Second-Hand-Geschäft, aber auch für immer höher wachsende Müllberge. 

Das Abschieben unseres europäischen Mülls in Länder des globalen Südens wird auch Müll-Kolonialismus genannt und steht für das problematische Verhältnis der europäischen Länder gegenüber dem Rest der Welt.

Nachdem wir die Hallen der SOEX verlassen haben, bleibt bei mir ein bitterer Geschmack im Mund zurück. Und das liegt nicht nur an den mengen Feinstaub, mit denen wir heute in Kontakt gekommen sind. Nachdem meine Neugierde über die Abläufe in der Sortieranlage befriedigt wurde, stelle ich mir die Frage: Welche Zukunft hat dieses System? Ich stimme zu, dass in Deutschland Firmen wie SOEX essenziell sind und einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Trotzdem sehe ich das Verhalten der Secondhand-Branche kritisch: Wir nutzen unsere privilegierte Situation, ein funktionierendes Müllentsorgungssystem zu haben, auf Kosten der Länder aus, die weniger privilegiert sind.